Leseprobe "Die Brücke nach Hause"

 

1

Dezember 2006, Deutschland

Es ist ein kalter Donnerstagvormittag eines nassen Dezembermonats, kurz vor den Weihnachtsfeiertagen, als sich viele Menschen auf dem Friedhof versammeln, um Abschied von der Verstorbenen zu nehmen. Aus grauen Wolken, die sich in Kondensstreifen über den Himmel ziehen, nieselt ein stiller Schauer. Trotz des Regens bleiben alle Schirme geschlossen in den Händen der Trauergäste. Sie verstecken sich nicht vor der unangenehmen Nässe, sondern stellen sich ihr trotzig entgegen.

Auch ich stehe da und blicke traurig nieder zum Sarg, der langsam in die feuchte Erde gesenkt wird. Mein Herz und meine Seele bluten. Es ist eine schwere Aufgabe für mich, den Tod meiner Frau zu begreifen. Ich lebe noch, sie nicht mehr. Sie ging als erste von uns beiden fort, während ich ihre Beerdigung erleben muss.

Meine Frau starb, nachdem sie fünf Jahre lang ans Bett gefesselt war, leise und unauffällig, genauso bescheiden, wie sie ihre achtzig Jahre verlebt hatte. Vor knapp einem Monat feierte sie erst ihren achtzigsten Geburtstag, danach ging es ihr immer schlechter. Zwei Wochen später fiel sie ins Koma. Unsere Töchter schoben Wache an ihrem Krankenbett, um sie zu umsorgen. Jeder ahnte, dass dies ihre letzten Tage sein würden.

Am Abend noch hatte Olga, meine jüngste Schwiegertochter sie fürsorglich für die Nacht zugedeckt, sich neben sie auf einen Stuhl gesetzt und ihrem holprigen Atem gelauscht, während sie gegen die Schläfrigkeit ankämpfte. Lediglich ein schwaches Licht brannte aus der kleinen Lampe am Tisch neben ihrem Bett, drum herum war alles still und leise.

Am Mittag des nächsten Tages hörte sie auf zu atmen. Sie war tot. Die Frau, mit der ich sechzig Jahre verheiratet war, starb an jenem Dezembertag. Die Nachricht um ihren Tod verbreitete sich schnell. Unsere Kinder und Enkel kamen in die kleine Zweizimmerwohnung und sahen mit rotgeweinten Augen auf den friedlich ruhenden Leichnam nieder. In der Wohnung war es still, kaum jemand rührte sich.

Später liefen meine Töchter hecktisch mit Telefon und Branchenbuch umher, bis irgendwann der Bestatter kam und die Leiche meiner Frau mitnahm.

Die Beerdigung wurde für den kommenden Donnerstag angesetzt.

Und nun sind alle hier, um die Verstorbene in die Ewigkeit zu verabschieden. Ganz langsam taste ich mich als erster zum Grab meiner Frau vor. Mit meinen vierundachtzig Jahren bewege ich mich nur langsam. Ich stütze mich auf meinem Gehstock ab. Keines meiner Kinder hält mich dabei am Arm, weil ich das nicht will. Ich bin durchaus noch in der Lage mich selbständig fortzubewegen.

Bevor ich mich bücke, um nach etwas Erde zu greifen, blicke ich über die Menschenmenge. Unsere Kinder, Enkel, Urenkel, ihre Familien, unsere Freunde, Angehörige… Sie alle säumen die schmalen Wege und füllen die Zwischenräume zwischen den Gräbern. Es sind soviele, dass es mich zutiefst rührt. Der schwache Regen tropft auf ihre Gesichter und vermischt sich mit ihren Trauertränen.

Ganz vorne in der Menge jammert meine jüngste Tochter. Sie hat in den letzten Jahren viel Zeit mit ihrer Mutter verbracht, sich um sie gekümmert, sie gepflegt, sie umsorgt. Für sie und für jedes weitere unserer zehn Kinder, die alle ausnahmslos zur Beerdigung gekommen sind, ist es ein großer Verlust.

Die meisten weinen still und leise in sich hinein. Es ist fast so, als gehöre die Beerdigung bis jetzt dem Gemeindepfarrer, der als einziger spricht, aber mein kläglicher Anblick eines alten Mannes, mit geknicktem Haupt vor dem Grab meiner Ehefrau, löst einen gemeinschaftlichen Schmerz aus. Tiefgehende Trauer und Mitleid zeichnen sich auf ihren Gesichtern ab, überwältigen jeden einzelnen.

Alle Anwesenden richten ihre Blicke auf mich und sehen mir dabei zu, wie ich eine kleine Schaufel aus dem Erdhaufen ziehe. Ich fülle sie randvoll mit Erde, verharre kurz in Gedanken vor dem Grab, kippe dann die Schaufel leicht nach vorn und lasse die Erde langsam hinunter rieseln. Das Geräusch, das beim Aufprallen auf das Holz des Sarges entsteht, geht tief unter die Haut. Das Ganze wiederhole ich insgesamt drei Mal. Ganz langsam gehe ich beiseite und bleibe still neben einem meiner Söhne stehen, den Blick auf den leeren Platz neben dem Grab meiner Frau gerichtet. Ich kämpfe gegen die Tränen an, während ich zusehe, wie jeder der Trauergäste meinem Beispiel folgt. Männer treten vor das Loch und werfen eine Hand voll Erde auf den Sargdeckel, die Frauen lassen Rosen ins Grab fallen.

Es ist ein Familiengrab, das ich für meine Frau und später auch für mich erworben habe. Wenn ich sterbe, in zwei, drei oder sogar zehn Jahren, werden wir beide hier wieder vereint werden, bis in alle Ewigkeit. Ein schreckliches Gefühl ergreift mich, auf mein eigenes Grab nieder zu blicken.

Über meinem Kopf fliegen lärmend die Krähen, in ihr Gekrächz mischt sich das inzwischen dumpfe Stöhnen meiner jüngsten Tochter. Ich sehe mir meine Kinder an, meine Söhne und Töchter, sowie ihre Söhne und Töchter, und wiederum deren Söhne und Töchter, und mein ganzes Leben schweift an mir vorbei.

Ich sehe einen kleinen, verängstigen Jungen, der ständig in Not war, der täglich um das Überleben kämpfte, der durch soviel Freud und Leid gegangen war, um heute hier als alter Mann zu stehen.

Und meine Gedanken gehen an einen fernen Ort, dorthin wo meine verlorene Heimat liegt, nach Mannheim. Nicht etwa in die aufblühende Stadt in Baden-Württemberg, einer Stadt auf deutschem Boden. Nein, auf dem russischen Land der Autonomen Sozialistischen Republik Deutscher in Povolzhye. Eine dichtbesiedelte große Kolchose des Kantons Gnadenflür am Fluss Karaman. Hier wechseln gemischte Wälder in südliche grasbewachsene Steppen. Im Nordwesten bildet der Fluss Wolga eine natürliche Grenze. Im Süden zeichnet der Stalingrader  Gouvernement die Grenze an, im Osten und Nordosten - die Samarsker und Saratowsker Gouvernements mit ihren zahlreichen russischen Siedlungen. Eine Kirche inmitten der Kolchose ragt in die Höhe empor, ihre Glocke läutet mehrmals am Tag, als wolle sie die Menschen warnen. Hier ist meine Heimat, hier bin ich geboren!

Die Menschen hier, ehemals ausgesiedelte Deutsche, von vielen Schicksalsschlägen gezeichnet, haben alle ihre eigene Geschichte zu erzählen. Sie leben mit allen Nachbarn friedlich, obwohl sie kein Wort Russisch sprechen oder verstehen. Erst mit der Zeit haben sie die Sprache gelernt. Die Kolonisten schließen Freundschaften mit ihren Nachbarn und handeln mit ihnen. Sie betreiben eine beispielhafte Landwirtschaft, züchten und pflegen das Vieh, beackern das Land und erzielen am Ende eine ertragreiche Ernte an Getreide. Sie bauen innerhalb kürzester Zeit Produktionsfabriken zur Verarbeitung der Tiererzeugnisse.

Sie passen sich der klimatischen Besonderheit dieser Gegend an. Hier sind die Frühlinge ziemlich kurz. Innerhalb von drei bis vier Tagen müssen alle Felder bestellt sein, damit der junge Trieb die Feuchtigkeit behält und zu einer Getreideähre wächst. Verpasst man diesen kurzen, günstigen Moment, keimt der Samen nicht und nichts wächst auf den Feldern.

Alle anstehenden Entscheidungen werden mit allen Siedlern auf Versammlungen abgestimmt und beschlossen. Jede deutsche Siedlung wählt einen Ältesten, der diese Versammlungen einberuft. Die Beschlüsse der Siedlungsmitglieder werden ausschließlich vom Dorfältesten ausgeführt und jeder hält sich daran. Es ist ein Rätsel, wie das überhaupt im autokratischen Russischen Reich möglich ist, wenn zugleich der Bauernstand an Gutsbesitzer zugewiesen und aller Rechte entzogen ist.

Jede deutsche Siedlung hat eine siebenjährige Schule, wo der Unterricht bis zu der vierten Klasse ausschließlich in deutscher Sprache stattfindet. Ab der fünften Klasse wird auch russisch unterrichtet.

Eine besondere Hochachtung fordert die Religion. Die Kolonisten gehen oft mit ihren Familien in ihre Kirchen, bringen den Kindern das Gotteswort bei und bleiben ihrem christlichen Glauben treu. Auf der einen Seite der Siedlung leben Katholiken und auf der anderen die Lutheraner. Sie besitzen eigene Brauchtümer, die sie aus ihrer weitentfernten Heimat in ein fremdes Land mitgebracht haben. Das Volk lebt in Frieden und Einvernehmen nach göttlichen Gesetzen, nicht nur unter sich, sondern auch mit den Nachbarn.

Die ersten Schwierigkeiten für die Wolgadeutschen beginnen mit dem Ersten Weltkrieg. Die Oktoberrevolution wird zum Beginn einer schlimmen Ära für das kleine autonome Volk im Inneren des Landes. Es beginnt eine zielgerichtete Politik zur völligen Destruktion aller Deutschen im Land…

 

2

1925, Russisches Reich

Mein Leben ist von vielen schicksalhaften Begegnungen und Ereignissen geprägt und ich erinnere mich an jedes einzelne, als wären sie erst gestern geschehen.

Ich beginne ganz am Anfang im Jahr 1925.

Ich wurde in eine schlimme Zeit hineingeboren, in die Zeit der massenhaften Hungersnöte und schlimmen politischen Ereignisse. Allein meine Geburt brachte meiner Mutter unzählige Probleme. Nicht nur sie sah meinem Erscheinen auf dieser Welt kritisch entgegen, sondern auch meine gesamte Verwandtschaft. Sie liebten mich nicht, weil ich unter verhängnisvollen Umständen auf die Welt gekommen war. Ich war ein ungewolltes Kind, ein Unfall, wie man es heute zu sagen pflegt, ein uneheliches Kind. Mit meiner Geburt brachte ich Schande über meine Mutter.

Sie war eine Wolgadeutsche, wie auch mein Vater. Und sie trug einen wunderschönen Namen – Margaritha. Sie war jung und verliebt in einen Burschen, mit dem sie eine heimliche Romanze pflegte. Eine banale Geschichte, sowie man sie tausend Mal in Romanen gelesen hat: ein reicher Er und eine arme Sie. Leider war das Ende nicht so wie in all diesen Büchern.

Mutter arbeitete als Dienstmädchen im Hause der wohlhabenden Familie meines Vaters. Er, ein verwöhnter junger Mann, bekundete Interesse an der naiven, jungen Hausgehilfin, verdrehte ihr den Kopf, versprach ihr Sterne vom Himmel und zerrte sie ins Bett.

Sie heirateten nie. Weder war es meinem Vater ernst mit meiner Mutter gewesen, noch hätte seine Verwandtschaft der Heirat mit ihr zugestimmt. Schon bald wurde er in die Armee einberufen und ging fort. Neun Monate später kam ich auf die Welt.

Meinen Vater kannte ich nicht. Er hatte mich und meine Mutter für immer verlassen als er ging. Das Einzige, was mir als Andenken von ihm übrigblieb, ein einziges Foto, das meine Mutter besaß und ein Name, weiter nichts.

Meine Mutter taufte mich in der lutherischen Dorfkirche auf den Namen Johannes, in Liebe zu meinem Vater, der denselben Namen trug. Ich bekam eine Geburtsurkunde, ehrenhaft, verfasst in deutscher Sprache, laut welcher ich also ein Deutscher war.

Wir lebten zu zweit. Ich und Mutter. Es war ein schäbiges Leben in Hunger und Not, Armut und völligem Elend. Tagsüber, wenn Mutter arbeiten ging, brachte sie mich zu ihrem älteren Bruder, meinem Onkel Fjodor. Er hatte selbst drei Kinder und genug Mäuler zu stopfen. Ich war für ihn eine zusätzliche Last.

Onkel Fjodor hatte einen Hund. Sein Name war Karlchen. Ein gewöhnlicher Hofhund, nicht besonders groß, bis auf die Knochen mager. Sein dunkles Fell glänzte nicht in der Sonne und seine Augen schauten traurig drein. Karlchen war ein freundliches Tier. Jeden Tag wartete er vor den Toren des Hauses auf mich, und als ich kam, sprang er an mir hoch und klaffte. Er war stets an einer Metallkette angeleint, die mehrere Meter weit reichte und ihm die Gelegenheit bot, sich frei durch den Hof zu bewegen. Er lief umher und wedelte fröhlich mit dem Schwanz, wenn man ihn am Rücken streichelte. Ich spielte gern mit Karlchen. Kein anderes Tier blieb mir so sehr in Erinnerung, wie dieser Hund.

Mutter und ich besaßen nichts, was wirklich wertvoll war. Kein Vieh, kein Schmuck, keine edlen Stoffe, kein Eigentum, nicht mal ein Haustier besaßen wir. Aber meinem Onkel Fjodor gehörten zwei Kühe, zwei schöne Hengste und einige ausgewählte Gegenstände. Er war deswegen nicht reich oder wohlhabend, absolut nicht. Er war ein Bauer, wie jeder andere Dorfbewohner, der sich durch ehrliche Arbeit die Existenz sicherte.

Ich war vier, als die Zwangskollektivierung durch Stalin angeordnet wurde. Die Kollektivierung richtete sich gleichermaßen gegen Großgrundbesitzer wie auch Bauern. Nicht nur wohlhabende Menschen, die als Kulaken bezeichnet wurden, sondern auch arme Bauern waren gezwungen, „freiwillig“ ihr Hab und Gut an die Regierung abzugeben, um einer Kolchose beizutreten. Bewaffnete Staatsmänner, für gewöhnlich in Begleitung eines Militärbediensteten, brachen in die Häuser der Menschen ein, durchwühlten jede Ecke und nahmen alles mit, was sie für richtig hielten. Die Menschen fürchteten die polizeiliche Gewalt und zitterten vor Angst, wenn sie ihren Häusern nahe kamen.

Viele Kulaken aus Mannheim waren mit der Enteignung nicht einverstanden und weigerten sich gegen das radikale Vorgehen der Regierung. Am Ende wurden sie vollständig enteignet, ihrer Mittel beraubt und verbannt. Viele wurden getötet…

 

Im Jahr 1928

Es war ein ganz gewöhnlicher Tag, an dem meine Mutter arbeitete und ich bei meinem Onkel Fjodor blieb. Ich war viel zu klein, um zu begreifen, was geschah, doch ich merkte schnell, dass etwas Schlimmes mit uns geschehen würde.

Die Frau meines Onkels heulte furchterregend, als drei bewaffnete Männer in schicken Uniformen gewaltsam in das Haus eindrangen. Sie betraten den Hof, schauten sich skeptisch um, so als wüssten sie, dass es hier nicht viel zu holen gab.

Onkel Fjodor‘ s Hund lief augenblicklich den Staatsmännern entgegen. Das tat er immer, wenn jemand zu Besuch kam. Doch dieses Mal wedelte er nicht fröhlich mit dem Schwanz. Er spürte, dass diese Männer Eindringlinge waren. Ein böser Geruch ging von ihnen aus. Karlchen bellte die Offiziere an.

Einer von ihnen griff nach der Waffe, richtete sie auf Karlchen, und ohne nur einen Moment lang zu zögern, betätigte den Abzug. Karlchen jaulte, fiel zu Boden und war im nächsten Moment tot.

„Warum hast du das gemacht?“, wollte mein Onkel wissen, der entsetzt auf Karlchens Kadaver blickte.

„Wir haben nicht genug Seife“, antwortete Karlchens Mörder herzlos. „Gebt das Vieh ab. Man soll Seife aus ihm kochen.“

Karlchens Schicksal hatte mich sehr mitgenommen. Ich saß weinend in der Ecke und wagte mich kaum hervor. Ich hatte Angst, dass diese brutalen Männer ihre Waffe auf mich richteten und mich genauso wie Karlchen erschießen würden.

Sie gingen im Hof umher, notierten etwas auf dem Papier. Eines von Onkel Fjodors Hengsten wurde beschlagnahmt. Und auch eine Kuh nahmen sie ihm weg. Sie durchsuchten das Haus, fanden eine alte Truhe, in der die Ehefrau meines Onkels Kleider aufbewahrte. Sie entdeckten dort ein Paar abgenutzte alte Fenstervorhänge und nahmen ein Exemplar für die Kolchose mit.

Sie beschlagnahmten alles was sie finden konnten. Geschirr, Kleidung, Bücher, einfach alles. Und dann gingen sie. Sie hinterließen große Trauer, die ich in den Augen meines Onkels und meiner Tante an jenem Tag sah. Jahrelang hatte mein Onkel hart gearbeitet und ausgiebig gespart, um sich diese wenigen Gegenstände kaufen zu können. Die Versorgung seiner Familie stand für ihn immer an erster Stelle. Und nun nahmen die Staatsmänner ihm fast alles weg. Sie beraubten seine Familie praktisch um ihre Existenz.

So wurde aus dem Dorf Mannheim eine Kolchose, der wir nach der Entkulakisierung offiziell beitraten. Ab da an wurde alles nur noch schlimmer. Die Kolchose schaffte die Aussaat nicht rechtzeitig, und der Boden verwandelte sich in ausgebrannte, kahle Steppen. Die Felder wurden nicht mehr bestellt. Als Folge kam der große Hunger.

Nach der Zwangskollektivierung hatten ich und meine Mutter ein noch härteres Leben. Wir hatten nichts zu essen und wären beinahe verhungert. Angesichts dieser Situation entschied sich Mutter, Mannheim zu verlassen. Wir fuhren nach Zentralasien, Taschkent, in die „Stadt des Brotes“, so nannte man sie. In die Sowchose, in der die älteste Schwester meiner Mutter, Marie-Lisbeth, mit ihrer Familie lebte. Wir beide erhofften uns ein besseres Leben in den Wirren der Hauptstadt Usbekistans.

Doch schon bald trat das erste Problem auf. Weder ich noch meine Mutter konnten Russisch sprechen und verstehen. Mit unserer deutschen Muttersprache kamen wir in Usbekistan nicht voran. Trotzdem bekam meine Mutter mit Hilfe ihrer Schwester Arbeit. Von ihrem ersten Lohn kaufte sie mir eine kleine Schalmei.

Ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie sie mir die Pfeife brachte. Ich hatte mich sehr darüber gefreut und ließ sie nicht mehr aus meinen Händen. Einmal wurde ich unvorsichtig und ließ die Schalmei in einen großen Wassertank, der in unserer Wohnung stand, fallen. Ich weinte, weil ich glaubte, das Spielzeug für immer verloren zu haben. Als kleiner Junge war ich nicht in der Lage, die Schalmei vom Grund des Wassertanks zu bergen.

Mutter kehrte erst am Abend von der Arbeit zurück.

„Was greinst denn du, Wanja?“, fragte sie mich fürsorglich.

Schluchzend erklärte ich ihr, was passiert war, obwohl ich Angst hatte, dass sie mich deswegen anbrüllen und mir niemals wieder ein Spielzeug kaufen würde. Doch zu meiner Überraschung zog sie ihre Schuhe aus, kletterte in den Wassertank und fischte die Pfeife heraus. Das zauberte ein fröhliches Lächeln auf mein trauriges Kindergesicht.

 

Im Jahr 1932

Nach nur wenigen Jahren in Taschkent, bekam Mutter Heimweh. Wir beide kehrten nach Mannheim in Povolzhye zurück. Hier hatte sich nichts zum Besseren gewandt.

1932 war ein schlimmes Jahr für alle Siedler. Die Ernte fiel aus. Die Arbeit in der Kolchose war genug vorhanden, sie wurde nur nicht entlohnt. Die Arbeitstage wurden notiert und mit Strichen auf Papier dokumentiert. Geld oder Nahrung gab es dafür nicht.

Die Menschen verhungerten auf den Straßen, in ihren Häusern und Wohnungen. Die Leichen stapelten sich in jeder Behausung, in jeder öffentlichen Einrichtung. Keiner schaffte sie fort. Es kam einer Apokalypse gleich. Ein fürchterlicher Anblick und noch ein fürchterlicherer Gestank, der in der Luft lag.

Doch dessen Tot war für niemanden mehr ein Ereignis. Jeder war um sein eigenes Überleben bemüht. Man war kalt und abgestumpft gegenüber Schicksalen anderer geworden. Kein Mitleid, keine Anteilnahme und keine Fürsorge, wie es hier früher üblich war. Als Folge davon brachen Krankheiten aus und kosteten noch mehr Menschen ihr Leben.

Meine Geburtsstätte war ein schäbiges Loch geworden, erfüllt von Angst, Furcht und Tod. Nichts, was nur einen winzigen Tropfen Optimismus vermittelte.

Wenn ich im Nachhinein darüber nachdenke, kommt sie mir in diesen Jahren wie ein Sumpf vor, eintönig mit Beulen übersät, gefährlich, jederzeit damit drohend, mich in seine Tiefen zu reißen, an den Grund zu ziehen und vollständig, bis auf den letzten Atemzug auszusaugen. Mein Heimatort - ein Sumpf - bewachsen mit dürren, ängstlich zitternden Espen, mittelgroßen Fichten und sich inmitten dieser Bodennarben verirrten weißen Birken. Sie wuchsen sehr langsam und starben schnell in der lockeren, abgestorbenen Erde, fielen um und verfaulten, wie die Leichen neben ihnen. Das Bild erscheint mir oft vor meinen Augen und mir tut es unerträglich weh.

Ich sehe oft die Figur eines kleinen Jungen mit einem sturen, verängstigten Gesichtsausdruck. Er drängt sich durch die feuchten Schneeflocken, allein, verlassen, erschöpft. Mit einer dunklen, verwirrten Wolke kriechen schwere Gedanken auf ihn ein, umarmen fest sein großes Kinderherz…

Das Schlimmste war passiert, die Hoffnung hatte uns verlassen. Wir als Neuankömmlinge besaßen keine Ansprüche weder auf eine Behausung noch auf eine Arbeit. Es wäre beinahe unser Ende gewesen.

Zurück in Mannheim lernte Mutter einen Mann kennen. Obwohl sie mit ihm nur eine kurze Zeit zusammenlebte und sogar ein Kind von ihm bekam, erinnere ich mich nicht an den Namen des Mannes. So schnell, wie er in unser Leben kam, so schnell ging er auch wieder, kurz nachdem Mutter schwanger wurde. Er war verhungert, wie fast jeder Mensch, der in dieser Zeit starb.

Mutter blieb alleine mit zwei Kindern, die sie zu versorgen hatte. Sie war gezwungen zu arbeiten, und ich, ein kleiner Bursche, der ich zu dem Zeitpunkt war, hatte die Aufgabe, während ihrer Abwesenheit auf den Säugling aufzupassen.

Das Baby weinte entsetzlich und ich schaukelte seine Wiege, ein ganz einfaches Möbelstück, aus Brettern geflickt. Ich wollte, dass das Kind aufhörte. Das tat es nicht. Es schrie unaufhörlich und ich verstand nicht, was ihm fehlte.

Irgendwann hörte das Kind auf zu weinen und ich widmete mich meinen Beschäftigungen. Ich war froh, endlich etwas Zeit für mich zu haben.

Am Abend kam Mutter nach Hause. Sie wollte wissen, wie es meinem Brüderchen ging und ich sagte:

„Er hat ständig geweint, dann ist er eingeschlafen und schläft immer noch.“

Mutter ging zur Wiege, um nach dem Kind zu sehen. Auf einmal wurde sie still. Sie schaute das Baby an, dann brach sie in Tränen aus.

„Das Kind ist tot“, sagte sie mit zitternder Stimme. Es starb aus Hunger.

Nach seinem Tod gab es keinen Trost und nichts, was Mutter den Schmerz nehmen könnte. Kurze Zeit später wurde sie vor Kummer und dem ewigen Hunger krank. Es war schwierig für sie arbeiten zu gehen. Wir hatten kaum noch etwas zu essen. Immer öfter ging ich am Abend hungrig ins Bett und immer öfter dachte ich darüber nach, ob ich noch den morgigen Tag erleben werde.

 

3

Es war das Neujahrsfest im Jahr 1933.

Man spricht davon, dass Wunder geschehen, wenn man nur fest genug an sie glaubt, und in dieser Festnacht geschah ein wahrliches Wunder.

Vom schwarzen Himmel fielen dichte Schneeflocken, als ich zu meiner Tante Anna lief. Sie war die jüngste aller Geschwister meiner Mutter. Sie war ledig und kinderlos und lebte alleine.

Ich wollte ihr unbedingt ein Frohes Fest wünschen, und hoffte, ein kleines Geschenk von ihr zu bekommen.

„Mein liebes Kind“, sagte sie zu mir. „Liebend gern hätte ich dir etwas gegeben, aber ich habe nichts, net mal eine Prise Mehl. Dafür habe ich etwas viel Besseres für dich.“

Ich war sehr gespannt zu erfahren, was es sein sollte, das viel besser war, als ein Stückchen Brot.

„Lauf zu deinem Onkel Karl. Dein Vater ist dort.“

Ich glaubte, mich verhört zu haben. Mein Vater sollte da sein!? Mein leiblicher Vater, den ich noch nie zuvor zu Gesicht bekommen hatte? Gemischte Gefühle stürmten auf mich ein. Verwirrung, Wut und Ärgernis, und doch überwog das starke Gefühl der Freude. Mein Herz pochte wild, so wild, dass ich glaubte, es würde mir die Brust zerreißen. Wie oft hatte ich es mir gewünscht, eines Tages meinem Vater zu begegnen? Jeden Abend, bevor ich ins Bett ging, betrachtete ich sein Foto, und nachts träumte ich von ihm.

In meinen Träumen war er mir immer als ein großer Mann erschienen. Schlank, mit vollem, kurzgeschnittenem Haar und einer Militäruniform, so wie er auf dem Foto aussah. Wir unterhielten uns nie in meinen Träumen. Ich betrachtete ihn immer nur von weitem.

„Was stehst du wie angewurzelt da?“, riss mich Tante Anna aus meinen Gedankenflügen. „Lauf, lauf zu deinem Vater“, spornte sie mich an.

Im selben Augenblick rannte ich aus dem Haus, ohne mich bei meiner Tante für die Überbringung der fröhlichen Nachricht zu bedanken.

Onkel Karl war der Bruder meines Vaters. Er war wohlhabend, besaß ein wunderschönes großes Haus und lebte mit seiner Familie im selben Dorf, in dem ich und meine Mutter lebten. Doch nie pflegten wir Kontakt zu dieser Familie.

Ich wusste ganz genau, welches Haus ihm gehörte. Ich rannte durch den tiefen Schnee, und es war mir egal, dass ich kaum noch Luft bekam. Auf dem Weg dorthin stellte ich mir vor, wie mein Vater wohl sein möge. Ob er sich freuen würde, mich zu sehen? Sicher tat er das.

In Gedanken malte ich mir unser Treffen aus. Mein Vater würde mich sofort erkennen. Er würde mich in seine Arme schließen, mich fest an sich drücken und mich darüber ausfragen, wie mein Leben war. Mit Sicherheit hatte er eine Entschuldigung dafür, dass er mich nie besuchte. Bestimmt war er groß und stark, attraktiv und hatte viel Interessantes zu berichten. Über Orte, an denen er gewesen war, über Menschen, die er getroffen hatte. Und bestimmt hatte er mir viele Geschenke mitgebracht.

Mich quälte die Frage, warum er nach so vielen Jahren hierher zurückkehrte. Ich hoffte, dass er es meinetwegen tat und dass er endlich an meinem Leben teilhaben wollte. Sicherlich vermisste er mich sehr, so sehr, wie ich ihn vermisste.

Endlich kam ich am Haus meines Onkels an. So gut mich meine kurzen Beine trugen, rannte ich die Stufen der Veranda hinauf, außer Atem und mit einem wilden Hämmern in der Brust. Endlich stand ich vor der Tür des wunderschönen dreistöckigen Gebäudes und klingelte. Meine Hände zitterten, als man mir die wuchtige Tür aufmachte und ich das Haus betrat. Mein Onkel Karl kam mir entgegen.

Drinnen roch es intensiv nach leckerem Essen. Mein Magen erinnerte sich daran, dass er seit mehreren Tagen nichts mehr zu essen bekommen hatte und meldete sich mit lautem Knurren.

Ich war so aufgeregt, als Onkel Karl mich ins Wohnzimmer führte und ich zum ersten Mal in meinem Leben meinem Vater entgegentrat. Er saß am Tisch, genau mir gegenüber. Da war er, in Fleisch und Blut, ganz lebendig und zum Greifen nah. Ganz so, wie ich ihn mir immer vorgestellt hatte. Groß, ansehnlich und besonders stattlich. Er trug eine Uniform, die ihn mannhaft machte, genauso wie auf dem Foto.

Am liebsten wäre ich gleich zu ihm hingerannt und hätte mich fest an seine Brust geklammert. Ich hätte ihm gesagt, wie sehr ich ihn vermisste und wie sehr er mir fehlte. Ich hätte ihn angefleht zu bleiben, niemals wieder fortzugehen und mich zurückzulassen. Aber ich schwieg. Ich sagte nichts dergleichen. Stattdessen begrüßte ich höflich die Anwesenden und wünschte ihnen ein Frohes Fest. Ich sagte sogar ein kleines Gedicht auf, das sich bis zum heutigen Tage fest in mein Gedächtnis einprägte:

„Ich wünsche euch einen runden Tisch,

für jeden einen gebratenen Fisch,

in die Mitte Kanne voll Wein

das soll euer Neujahr sein.“

Die Anwesenden klatschten in die Hände und lächelten mich an. Dann sagte Onkel Karl zu meinem Vater:

„Das ist dein Sohn.“

Er schubste mich leicht nach vorn, sodass ich ihm näher kam.

Mein Vater stand langsam vom Stuhl auf und betrachtete mich aufmerksam. Sein Gesicht nahm dabei eine stramme Form an. Als er mich ansah, glaubte ich gänzlich aufgehört haben zu atmen. Er musterte mich von Kopf bis Fuß, dann sagte er zu meinem Onkel Karl:

„Karluschka, geh in die Rumpelkammer und bring meinen Sachbeutel her.“

Onkel Karl tat, was mein Vater von ihm verlangte. Er brachte den Sack und übergab ihn meinem Vater. Als er ihn öffnete, sah ich drinnen zwei Brotlaibe nebeneinander liegen. Ich hatte schon ganz vergessen, wie lecker Brot duftete. Mein Vater hielt mir einen Laib entgegen und ich nahm es dankbar an. Wir hatten seit Ewigkeiten kein Brot mehr gegessen.

„Das ist dein Geschenk“, sagte mein Vater zu mir. Dann holte er dreißig Rubel aus dem Bündel und gab sie mir. Ich nahm die roten Banknoten und steckte sie mir rasch in die Hosentasche.

Schließlich bat er mich Platz zu nehmen. Er setzte sich neben mich.

„Gehst du denn schon in die Schule?“, wollte er von mir wissen.

Ich schüttelte den Kopf. „Nein, noch net.“

„Wie alt bist denn du?“

„Achte.“ In Wahrheit war ich noch keine Acht, aber ich sollte es in einem Monat werden.

Wir unterhielten uns eine Viertelstunde und ich genoss die wenige Zeit in der Gesellschaft meines Vaters.

„Gefällt dir das Leben bei deiner Mutter?“, fragte er. Ich plapperte sofort drauf los, ohne mir Gedanken darüber zu machen, was ich eigentlich sagte.

„Wir haben sehr oft kaum etwas zu essen, und Spielzeug habe ich auch keines.“

Mein Vater machte ein grüblerisches Gesicht. Er schwieg eine Weile, bevor er plötzlich die Frage aller Fragen stellte:

„Willst du mit mir kommen?“

Im ersten Moment glaubte ich, er würde scherzen. Aber am Gesichtsausdruck meines Vaters sah ich, dass er keine Scherze machte und dass er das, was er eben sagte, absolut ernst meinte.

„Du wirst noch einen Bruder haben.“

„Und was ist mit meiner Mutter?“, fragte ich erschrocken.

„Du wirst eine andere Mutter haben. Meine Ehefrau. Sie ist Lehrerin, sie wird dir viele tolle Sachen beibringen. Du wirst es gut bei mir haben. Vor allem wirst du immer etwas zu essen bekommen. Und, willst du?“

Seine Worte klangen sehr verlockend. „Ich möchte“, antwortete ich leise. Ich wollte es vom ganzen Herzen. Ich wollte nichts mehr, als das.

Mein Vater lächelte zufrieden. „Na dann, lauf nach Hause und bring all das, was ich dir gegeben habe, deiner Mutter. Sag ihr aber bloß nichts. Wenn du das tust, wird sie dich nicht mit mir fortgehen lassen. Verstehst du?“

Ich nickte.

„Na schön, und jetzt ab mit dir. Ich fahre in einer Stunde ab. Komm nur nicht zu spät.“

Mit dem Brotlaib in den Händen und dreißig Rubel in der Hosentasche kam ich in die Küche, um von dort aus nach draußen zu meiner Mutter zu laufen. Tante Mila, die Ehefrau meines Onkels, kochte Nockerln mit Sauerkraut. Der Duft, der sich in der Küche ausbreitete war unbeschreiblich köstlich.

Tante Mila packte mir einen Nocken mit etwas Kraut in Papier ein. Es war ein riesiger Nocken, fast so groß, wie der Brotlaib, den ich in meinen Händen hielt.

„Nimm es, Wanja“, sagte sie. „Ich habe es auch aus dem letzten Mehl gemacht.“

Ich rechnete nie im Leben mit so vielen Geschenken auf einmal. Glücklich und dankbar lief ich nach Hause, wo meine Mutter auf meine Rückkehr wartete. Ihre Beine waren so stark angeschwollen, dass sie noch kaum laufen konnte.

Ich kam in die Wohnung, legte das Mitgebrachte auf den Tisch und sagte:

„Hier, Mutter, iss davon, ich muss dringend weg.“

„Wo musst du den so eilig hin?“, fragte sie mich und war sichtlich verwundert.

„Die Jungs wollen nach Salowka, um den Leuten dort zum Fest zu gratulieren. Vielleicht geben sie uns Geschenke mit“, log ich.

Salowka war eine Kolchose, unweit von unserem Dorf entfernt, in der nur russischsprachige Siedler lebten. Die Kolchose war recht vermögend. Beide Dörfer trieben Geschäfte miteinander und tauschten diverse Sachen. Schade war nur, dass die Siedler beider Dörfer einander überhaupt nicht verstehen konnten.

Weil ich mit meiner Mutter eine Zeit lang in Taschkent lebte, beherrschte ich als einziger im ganzen Dorf die russische Sprache und wurde deshalb des Öfteren gebeten, als Dolmetscher mitzufahren.

Meine Mutter wusste das. Sie ließ mich oft nach Salowka fahren, doch heute, aus welchem Grund auch immer, verbot sie es mir.

„Du gehst nirgendwohin. Zieh dich aus. Du bleibst zu Hause.“ Mutter ahnte bereits, was ich vorhatte. Sie hatte sicher schon von Tante Anna die Nachricht gehört, dass mein Vater im Dorf wäre. Sie hielt mich an meinem Wintermantel fest.

„Nicht“, wehrte ich ab. „Ich muss gehen. Die Jungs warten draußen auf mich.“

Ich riss mich aus den Armen meiner Mutter los und rannte hinaus. Sie folgte mir, versuchte mich aufzuhalten. Ich achtete nicht auf sie, ich lief die weite Strecke bis zum Haus meines Onkels, wo mein Vater auf mich wartete. Ich kam gerade noch rechtzeitig an. Onkel Karl sperrte bereits die Tore auf. Die Pferdetroika war schon gespannt. Mein Vater, in einen Pelz gewickelt, thronte im Schlitten.

Ich lief in den Hof hinein. Meine Mutter, die durch ihre angeschwollenen Beine kaum laufen konnte, holte mich nicht ein.

„Du bist doch gekommen!“, freute sich mein Vater und bot mir einen Platz neben ihm im Schlitten an.

„Komm, steig schon ein.“

Ich stieg rasch in den Schlitten und bekam sogleich ein Stückchen Pelz um die Schulter gelegt. Es war unbeschreiblich weich und warm.

„Lass uns raus, Karluschka“, rief mein Vater und trieb die Pferde an. In diesem Moment war ich das glücklichste Kind auf der ganzen Welt. Ich hatte endlich meinen Vater kennengelernt und ich fuhr sogar mit ihm fort. Weit weg vom Hunger und Elend dieses Dorfes. Mein größter Traum ging in Erfüllung. Ich würde bei meinem Vater bleiben und an seinem Leben teilhaben.

Doch als wir die Tore erreichten, kam uns meine Mutter entgegen. Sie war außer Atem, als sie sich an meinen Vater wandte:

„Wie kannst du das nur tun?“, schnaubte sie. „Schämst du dich denn überhaupt nicht? Mit sovielen Mühen ziehe ich dieses Kind groß und du kommst einfach her und willst ihn mir wegnehmen. Er ist alles, was ich habe und du bist bereit, mir meine letzte Freude in diesem Leben zu nehmen.“

„Er wird sterben bei dir“, sagte mein Vater.

„Gib ihn mir, gib mir meinen Sohn wieder“, flehte ihn Mutter an. „Solange ich am Leben bin, wird er nicht sterben. Dafür werde ich sorgen. Wenn ich sterbe, dann nimmst du ihn mit.“

Mein Vater wehrte sich nicht, als meine Mutter mich aus dem Schlitten zehrte. Ich zappelte und wollte mich von ihr losreißen, doch sie hielt mich fest im Griff. Ich sah den Schmerz in den Augen meines Vaters und begriff, dass es ihm mindestens genauso schwer fiel, mich loszulassen, wie mir.

„Auf Wiedersehen“, sagte er zu mir. „Auf Wiedersehen, mein Sohn“, und winkte leicht mit der rechten Hand zu mir rüber. Diese Geste von ihm ergreift mich immer noch, wenn ich mich an die Situation erinnere. Die Art, wie er sich verflüchtigte, irgendwo im Schnee, als ich mich umdrehte. Und wenn ich wieder hinschaute, war er für immer fort.

Meine Mutter nahm mich an die Hand und führte mich nach Hause. Ich war sehr unglücklich, dass er nichts unternommen hatte, sondern mich einfach so aufgab.

Das war das erste und gleichzeitig das letze Mal, dass ich meinen Vater sah. Er arbeitete innerhalb des NKWD[1] als Führer der GPU in der politischen Hauptverwaltung. Es war eine hochangesehene Stelle, die ihm ein wohlhabendes Leben ermöglichte.

Viele Jahre später erfuhr ich, dass er die Armee verlassen hatte. Er lebte eine Zeit lang in der Karl-Marx-Stadt, der zweitwichtigsten, neben der Stadt Engels, Zentrums der Wolgadeutschen. Er hatte eine Familie, eine Ehefrau und einen weiteren Sohn, Jurij.

Nie erhielt ich von ihm auch nur eine winzige Nachricht, nicht einmal einen Brief. Ich wusste weiter nichts über ihn. Er ging und mir blieb lediglich nur eine Erinnerung an unsere einzige Begegnung. Als kleiner Junge fühlte ich mich oft für sein Verhalten schuldig, suchte zumindest so nach einer möglichen Erklärung. Aber was kann schon ein Kind dazu, wenn es vom eigenen Vater verlassen wurde? Bis heute kann ich nicht verstehen, warum er mich vergessen hatte.

Vielleicht wäre es noch anders gekommen, wenn mein Vater ein längeres Leben gehabt hätte. Er starb sehr früh. 1937 wurde er aus Gründen, die mir bis heute unbekannt blieben, verhaftet, verurteilt und erschossen.

 

[1] NKWD - Narodnyi Kommissariat Wnutrennich Djel [russ. НКВД - Народный комиссариат внутренних дел] Volkskommissariat für innere Angelegenheiten